Empowerment statt Rechtsruck

Wo stehen Gewerkschaften in Zeiten von Rechtsruck und autoritärem Rollback? Wie kann Gewerkschaftsarbeit dem etwas entgegensetzen? Und was hat Organizing damit zu tun?

„Soziale Bewegungen, die auf Hoffnung basieren, können den Zugang zur Demokratie erweitern, während soziale Bewegungen, die auf Angst basieren, den Zugang zur Demokratie einschränken können. Es waren Bewegungen der letzteren Art, die uns in diese Lage gebracht haben, und es werden Bewegungen der ersteren Art sein, die uns daraus befreien werden.“ – Marshall Ganz1

Vor kurzem habe ich mit meinem Kollegen aus der Werkstatt Erschließung Lucien einen Teil eines Vertrauensleuteseminars geteamt.  Die Teilnehmenden kamen aus dem Handel, sie arbeiten in großen Verteilzentren zum Beispiel als Kommissionier*innen oder Fahrer*innen. Sie kamen aus verschiedenen Betrieben, wo sie alle von ihren Kolleg*innen als Vertrauensleute gewählt wurden. In unserem Teil des Seminars lag der Schwerpunkt auf grundlegenden Organizing-Ansätzen, die sie nutzen können, um ihre Aktivenstrukturen im Betrieb zu vergrößern.

Beim Seminar gab es eine Einordnung dazu, in welcher Zeit wir uns gerade befinden aus gewerkschaftlicher Sicht, aber auch gesamtgesellschaftlich. Obwohl die Situation allen auch vorher bewusst war, mussten viele von uns schlucken und die Stimmung im Raum wurde nachdenklich. Eine Teilnehmerin fragte ganz direkt: „Macht das, was wir machen, eigentlich überhaupt so noch Sinn in den Zeiten gerade?“.

Ein Klopper. Aber auch eine absolut faire Frage, die ja nicht nur sie, sondern auch mich und viele andere immer mal wieder einholt. Das Seminar an sich hat für mich schon eine klare Antwort darauf geliefert: Ja! Und zwar in diesen Zeiten mehr denn je. Und warum? Klar könnte ich jetzt auf die Sachen eingehen, die offen auf dem Tisch liegen wie die Tatsache, dass Gewerkschaftsarbeit das Potential hat, die unterschiedlichsten Menschen zusammen zu bringen, oder dass Gewerkschaften historisch schon immer Position bezogen haben und wichtige Kraft in der Demokratie sind. Aber was hat denn jetzt Organizing im Speziellen damit zu tun?

Organizing stammt in seinen Anfängen unter anderem aus der Bürgerrechtsbewegung in den USA und hat schon immer als Kernelement den klaren Fokus auf Empowerment – also der Selbstermächtigung und dem Erlangen von Handlungsfähigkeit und Selbstwirksamkeit von Menschen, die für ihre Anliegen kämpfen. Dafür ist im Organizing eine Haltung nötig, die darauf ausgelegt ist, die Kolleg*innen darin zu unterstützen ihre eigene Macht zu erkennen und in der Organisierung untereinander eine Wirkungskraft zu erreichen. Und genau das ist der entscheidende Punkt! Eine Studie der Otto-Brenner-Stiftung aus dem Jahr 2023 konnte zeigen, dass Menschen, die in ihren Betrieben direkte Beteiligungserfahrungen machen, signifikant weniger rechten Parolen zustimmen.2 Auch andere Studien belegen, dass praktische Demokratieerfahrungen wirksam sind gegen autoritäre und extrem Rechte Einstellungen. Dabei ist auch deutlich geworden, dass die reine Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft oder das Vorhandensein von Beteiligungsstrukturen wie einem Betriebsrat allein nicht ausreichen, um diese Wirkung zu entfalten, sondern direkte eigene Erfahrungen nötig sind.

Für viele stellt die Arbeitswelt einen Ort von Ohnmachtsgefühlen, Angst, Abwertung und Kontrollverlust dar. Diese Verunsicherung und Angst bietet ideale Voraussetzungen für rechte Akteur*innen und Einstellungen, denn sie bauen auf Angst und Minderwertigkeitsgefühlen auf, indem sie als Antwort darauf die Abwertung anderer anbieten. Organizing mit dem klaren Fokus auf den Aufbau starker, selbstbestimmter Aktiven-Strukturen und der Überwindung von Stellvertreter*innenpolitik, kann gerade jetzt einen zentralen Beitrag dazu leisten dem Rechtsruck etwas entgegenzustellen. Nämlich Solidarität und Hoffnung durch gemeinsame Aktion und die Erfahrung der Aktiven selbstwirksam handeln zu können, um dadurch wieder Macht über die eigene Situation zu gewinnen. Deshalb lasst uns umso mehr reflektieren, wo wir Räume bieten können, in denen eben diese Erfahrungen stattfinden können und ehrlich mit uns sein, wo wir anderen diese Möglichkeiten nehmen, indem wir stellvertretend denken und handeln.

Beim Seminar konnte man innerhalb der beiden Tage sehen, wie die Kolleg*innen über sich hinaus gewachsen sind, ihr Selbstbewusstsein ausbauten und Hoffnung dazu gewonnen, an ihrer Situation tatsächlich etwas ändern zu können. Mir haben diese Tage auch Hoffnung gegeben und mir erneut gezeigt, wie viel unsere Arbeit in der Gewerkschaft gerade in diesen Zeiten wert ist.

  1. Marshall Ganz (*14.03.1943) stammt aus den USA und gehört zu den wichtigen Denkern des Organizings. Er arbeitete viele Jahre für die „United Farmworkers Of America“ und lehrt bis heute an der Harvard Kennedy School u.a. Organizing und Civic Engagement. ↩︎
  2. https://www.otto-brenner-stiftung.de/fileadmin/user_data/
    stiftung/02_Wissenschaftsportal/03_Publikationen/AP64_IC_Ostdeutschland_WEB.pdf
    ↩︎