Welche Konsequenzen hat „Radical Diversity“ für unsere Arbeit?

Die Werkstatt Erschließung hat gemeinsam mit manchen Kolleg*innen im Landesbezirk NRW nun bereits zum zweiten Mal ein Diversity-Training mit dem Institut für Social Justice & Radical Diversity durchgeführt. Das Institut wurde von Leah Carola Czollek, Gudrun Perko und Heike Weinbach gegründet. Die Trainerinnen sprechen bewusst von „Radical Diversity“ und grenzen diesen Ansatz von einem eher „Corporate Diversity“ ab, bei dem Diversity häufig auf individuelle Verhaltensregeln reduziert wird. Stattdessen geht es um die Auseinandersetzung mit struktureller Diskriminierung und gesellschaftlichen Machtverhältnissen. Wir meinen, dass es längst Zeit ist, dass das ver.di-Personal über klassische antirassistische Trainings hinaus breiter zu Diversity und unterschiedlichen Diskriminierungsformen ausgebildet und aufgeklärt wird. Wir haben allerdings nicht nur über unsere Zusammenarbeit als verdi-Personal gesprochen, sondern vor allem darüber, wie wir als Organizer*innen mit Beschäftigten zusammenarbeiten. 

Auch ich durfte Teilnehmerin dieses Trainings sein. Ehrlich gesagt dachte ich vorher: Klar, ich weiß ungefähr, worum es geht. Diskriminierung, unterschiedliche Lebensrealitäten, sensibel miteinander umgehen. Alles wichtige Themen. Aber ich habe in diesem Training nochmal auf eine andere Art verstanden, was Diversity eigentlich mit Organizing zu tun hat – und auch mit mir selbst als Mensch.

Und genau deshalb möchte ich meine Erkenntnisse mit euch teilen.

Nicht, weil ich jetzt plötzlich Expertin wäre – eher im Gegenteil. Ich schreibe ihn, weil ich gemerkt habe, wie viel ich noch nicht sehe und wie viele blinde Flecken ich habe. Und weil ich glaube, dass wir als Organizer*innen unglaublich davon profitieren können, wenn wir uns mit Radical Diversity und unterschiedlichen Diskriminierungsformen ernsthaft auseinandersetzen.

Du weißt nie wirklich, wer vor dir sitzt!

Eine meiner Erkenntnisse war: Ich darf niemals denken, dass ich schon weiß, was Menschen bewegt. Nur weil du zehn Gespräche in einem Betrieb geführt hast, heißt das nicht, dass du beim elften Gespräch schon weißt, welche Themen dein Gegenüber hat. Jeder Mensch bringt seine eigene Geschichte mit. Seine Erfahrungen, Verletzungen, Ängste, Kämpfe, Werte und Wahrheiten.

Für mich wurde klar, dass ich eine Haltung wieder mehr auf dem Schirm haben muss: Bescheidenheit. Ich gehe nicht in den Betrieb mit dem Anspruch, die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben, oder mit „Ich erkläre dir jetzt mal die Welt und wie du sie veränderst.“ Sondern mit ehrlicher Neugier.

Warum denkt jemand so?
Warum verhält sich jemand so?
Welche Erfahrungen stecken dahinter?
Welche Diskriminierung hat diese Person vielleicht erlebt?
Welche Verantwortung trägt sie? Welche Sorgen? Welche Unsicherheiten?

Das bedeutet nicht, dass ich jede Meinung gut finden muss. Natürlich habe ich eigene politische Haltungen und Werte! Trotzdem muss ich offen dafür bleiben, dass andere Menschen ihre eigene Realität haben, denn genau das ist die Grundlage dafür, überhaupt Verbindung aufzubauen.

Menschen erleben oft mehrere Diskriminierungen gleichzeitig

Menschen sind nicht nur von einer Diskriminierungsform betroffen.

Hier ein Beispiel: Eine Reinigungskraft im Klinikum erlebt nicht nur Sexismus, weil sie eine Frau ist. Vielleicht ist sie gleichzeitig alleinerziehende Mutter, lebt erst seit ein paar Jahren in Deutschland und ihr Aufenthaltstitel hängt von ihrem Arbeitsplatz ab. Vielleicht arbeitet sie zusätzlich noch in mehreren Jobs, um ihre Familie versorgen zu können. Sie ist betroffen von Sexismus, Klassismus und Rassismus.

Natürlich beeinflusst das auch, wie sicher sich jemand fühlt, für die eigenen Rechte einzustehen. Wer Angst haben muss, den Job zu verlieren und damit vielleicht sogar die eigene Existenzgrundlage, wird eher von einem Aktiventreffen oder einer Aktion fernbleiben als jemand mit einem sicheren Arbeitsvertrag und Aufenthaltsstatus.

Arbeitgeber nutzen solche Unsicherheiten bewusst aus. Menschen werden klein gehalten, unter Druck gesetzt oder gegeneinander ausgespielt. Deshalb reicht es im Organizing nicht, nur abstrakt auf „die Beschäftigten“ zu schauen. Wir müssen verstehen, unter welchen Bedingungen Menschen leben und arbeiten – und wie verschiedene Diskriminierungsformen zusammenwirken.

Organizing darf nicht nur für die erreichbar sein, die sowieso schon mitkommen können

Ein weiterer Punkt, der mich beschäftigt hat: Wie viele Menschen schließen wir eigentlich aus, ohne es zu merken? Wir organisieren Treffen und wundern uns, warum bestimmte Kolleg*innen nie auftauchen. Aber haben wir uns wirklich gefragt, ob unsere Strukturen und Angebote für alle zugänglich sind?

Was ist mit Alleinerziehenden?
Was ist mit Kolleg*innen, die ihre Kinder nicht einfach irgendwo „unterbringen“ können?
Was ist mit gehörlosen oder blinden Menschen?
Was ist mit Menschen, die wenig bzw. kein Deutsch sprechen?
Was ist mit Kolleg*innen, die sich in großen Gruppen unsicher fühlen?
Was ist mit Menschen, die schlechte Erfahrungen mit politischen Räumen gemacht haben?

Wenn wir möchten, dass Menschen gemeinsam für ihre Rechte kämpfen, dann müssen wir auch Bedingungen schaffen, unter denen sie überhaupt teilnehmen können.

Vielleicht bedeutet das Kinderbetreuung, einfache Sprache oder Übersetzung – auch in Gebärdensprache.
Vielleicht bedeutet das, Menschen aktiv Raum zu geben, statt nur die Lauten reden zu lassen.

Langsamer sprechen ist politisch

Eine Sache, die ich seit dem Training viel bewusster wahrnehme: ich spreche zu schnell. Gerade wir Organizer*innen sind häufig geübt darin, politische Zusammenhänge schnell zu erklären. Aber nur weil ich schnell reden kann, heißt das nicht, dass andere mir folgen können.

Einfache Sprache ist keine „vereinfachte“ Politik. Sie macht Politik zugänglich.

Langsamer sprechen und Pausen machen ermöglicht gibt meinem Gegenüber Raum für Zwischenfragen und eigene Gedanken. Ich darf nicht mit Fachbegriffen um mich schmeißen, oder dasselbe Vorwissen voraussetzen. Das klingt banal, ist aber unglaublich wichtig. Denn sobald Menschen Angst haben, etwas „Falsches“ zu sagen oder nicht mitzukommen, ziehen sie sich zurück. Und die Veränderung von Machtverhältnissen im Betrieb erreichen die Beschäftigten nur, wenn alle Kolleg*innen sich beteiligen können.

Was Diversity mit Solidarität zu tun hat

Mein größtes Learning aus dem Training geht eigentlich über meine gewerkschaftliche Arbeit hinaus. Ich habe gemerkt, wie sehr uns die aktuelle politische Situation voneinander trennt. Der permanente Druck durch Kapitalismus, gesellschaftliche Härte, Rechtsruck und die Spaltung in ein ständiges Gegeneinander. Durch die Auseinandersetzung mit Radical Diversity habe ich wieder gespürt, dass wir alle gemeinsam in dieser Welt sind.

Es gibt nicht die „richtigen“ und die „falschen“ Menschen.
Nicht die „normalen“ und die „anderen“. Wir alle haben unsere Geschichte. Unsere Erfahrungen. Unsere Widersprüche. Und irgendwie hat diese Erkenntnis in mir wieder mehr Sanftheit, Offenheit und wieder mehr Solidarität ausgelöst. Vielleicht ist genau das auch eine Aufgabe von Organizing:
Nicht nur Menschen zu mobilisieren – sondern Räume zu schaffen, in denen Menschen sich gesehen fühlen.

Ich kann dir deshalb wirklich empfehlen, dich mit Radical Diversity auseinanderzusetzen. Nicht, weil man danach „perfekt sensibilisiert“ ist. Sondern weil es den eigenen Blick auf die Arbeit und die Menschen verändert. Und bestimmt auch ein Stück weit auf sich selbst.