Ein Neujahrsgrüß und eine Story, die Hoffnung schenkt

Kämpft weiter!

Bevor wir nach vorne blicken, werfen wir einen kurzen Blick zurück auf das Jahr 2024. Unser Ziel in der Werkstatt Erschließung war es, in der Erschließungsarbeit bei ver.di NRW qualitative Fortschritte zu erzielen – insbesondere mit Kolleg*innen, die bereits die Grundlagen des Organizings verinnerlicht hatten. Wir wollten zentrale Aufgaben wie Mapping, den Aufbau neuer betrieblicher Gewerkschaftsstrukturen und das Testen der betrieblichen Kampffähigkeit weiterentwickeln, um unorganisierten Beschäftigten bessere Chancen zu geben, die Machtverhältnisse in ihren Betrieben zu verändern. Trotz unvorhergesehener Herausforderungen – wie einem vollständigen Teamwechsel – konnten wir in NRW mit engagierten Kolleg*innen an Standorten wie dem UPS-Hub am Köln-Bonner Flughafen, dem Amazon-Sortierzentrum in Witten und dem Duisburger Hafen bedeutende Erfolge erzielen. Ein großer Lob an alle ehren- und hauptamtlichen Kolleg*innen für ihre beeindruckende Arbeit sowie an das neue Organizingteam und den Organizingbereich im ver.di-Bezirk Westfalen für ihren Einsatz.

Okay, das war 2024 – aber jetzt zählt das Hier und Jetzt. Und verdammt, 2025 zeichnet sich schon jetzt als ein ziemlich beschissenes Jahr ab. Wie sollen wir unsere Arbeit verstehen, wenn wir uns von politischen Gegnern umzingelt fühlen, der Weg nach vorn unklar bleibt und unsere Erfolgsaussichten manchmal fraglich scheinen? Wir möchten eine Anekdote weitergeben, die unser Teamleiter neulich einem Kreis junger Hoffnungsträger*innen erzählt hat…

„…2025 zeichnet sich schon jetzt als ein ziemlich beschissenes Jahr ab…“

„In den 90er war ich als junger Organizer in Arkadelphia, Arkansas, unterwegs. Wir haben, wie das in den USA üblich ist, eine Hühnerfabrik „unter dem Radar“ sondiert, um herauszufinden, ob die Beschäftigten bereit wären, sich trotz des zu erwartenden Union-Bustings der Arbeitgeber gewerkschaftlich zu organisieren. Anfangs lief es schwierig. Unsere Kontaktpersonen waren plötzlich nicht mehr erreichbar. Der Arbeitgeber bekam mit, dass wir vor Ort waren.  Wir machten uns um eine Spaltung zwischen der mehrheitlich afroamerikanischen Belegschaft und den neu hinzugekommenen Migrant*innen aus Mexiko Sorge. Hinzu kam, dass eine Stahlfabrik in der Stadt zehn Jahre zuvor geschlossen worden war, und oft wird in solchen Fällen der Gewerkschaft die Schuld gegeben.“

„Meine Teamleiterin beruhigte mich. Sie meinte, die Ergebnisse der Befragung, die wir mit einigen Beschäftigten gemacht hatten, waren vielversprechend. Die wollten was ändern und wir sollten es wagen. Also haben wir weitergemacht. Und zu meiner Überraschung lief die Organizing-Kampagne trotz aller erwarteten Hürden fantastisch. Den Beschäftigten waren klar, dass die Schließung der alten Stahlfabrik nicht die Schuld der Gewerkschaft war. Im Gegenteil: Dass es dort überhaupt mal gute Arbeitsbedingungen gegeben hatte, lag an der Arbeit der Gewerkschaft*innen im Betrieb. Spaltung gab es auch nicht; die afroamerikanischen Beschäftigten gingen auf eine beeindruckende Art und Weise in die Führung und schließen sich solidarisch mit den mexikanischen Beschäftigten zusammen. Es entwickelte sich ein Selbstbewusstsein unter den Beschäftigten, wie ich es nicht erwartet hatte. Das war wirklich beeindruckend.“

„Aber gut, unerwartete Erfolge können manchmal passieren. Doch dann saß ich eines Tages in unserem Projektbüro, als ein alter Hippie hereinkam. Einfach so. Er begann, uns die Arbeitergeschichte von Arkadelphia zu erzählen. Bereits Ende der 19. Jahrhundert waren die „Knights of Labor“ in Arkadelphia aktiv gewesen. Ich bin jemand, der sich für Arbeitergeschichte interessiert, und als ich das hörte, machte es bei mir „Klick“. Plötzlich war ein Grund mir klarer, warum unsere Organizing-Kampagne so unerwartet gut lief.„

„Die Knights of Labor unternahmen einen der ersten Versuche, eine Gewerkschaft in den USA zu gründen, die allen Lohnabhängigen offenstand. Und das Besondere an ihnen war, dass sie Schwarzen und Weißen zusammen in einer Organisation zusammenschlossen, nur wenige Jahrzehnte nach dem Ende der Sklaverei. Das war in einem Staat wie Arkansas, wo schwarze Menschen bis zum bitteren Ende versklavt wurde, ein enormer Schritt.“

„Später, als in Arkadelphia eine Stahlfabrik gebaut wurde, knüpften die Menschen an diese Tradition weiter an. Die Fabrik wurde zu einer Zeit errichtet, als der Gewerkschaftsdachverband CIO (Congress of Industrial Organizations) aktiv war. Für diejenigen, die Jane McAlevey kennen: Ihr Ansatz des Organizings basiert stark auf der Geschichte der CIO, einer linken Gewerkschaftsföderation, die dafür bekannt war, militante, strategische und mächtige Basisarbeit zu fördern. In dieser Stahlfabrik konnten Afroamerikaner*innen in der Nachkriegszeit eine seltene wirtschaftliche Lebensgrundlage finden. Das war keine Selbstverständlichkeit, weil die Jim-Crow-Gesetze1 in Arkansas noch in vollem Gange waren. Doch die Beschäftigten kämpften und organisierten sich gewerkschaftlich. Sie profitierten von einer alten – und schuften eine neue – politische Kultur in ihrem Betrieb.“

„Als unsere Erschließungsarbeit besser lief, als ich erwartet habe, war festzustellen, dass diese politische Kultur weiterlebte. Die Kinder und Enkelkinder der Stahlarbeiter waren jetzt die aktiven Kolleg*innen in der Hühnerfabrik. Sie wussten, dass Spaltung schwächt und nur gemeinsames Handeln stärkt. Sie wussten, dass man nichts gewinnt, ohne zu kämpfen. Sie wussten, dass man sich mit den Kolleg*innen identifizieren muss – trotz allen kulturellen Unterschieden – und nicht mit dem Arbeitgeber. Das war für mich eine echte Erkenntnis: Auch wenn die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen nicht immer danach aussehen, als ob Lohnabhängige Macht gewinnen könnten, lohnt es sich trotzdem, Widerstands- und Kampfkulturen mit Beschäftigten zu entwickeln. Denn wenn der Moment kommt, in dem man diese Kultur braucht, dann ist sie eben da.„

„…Auch wenn die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen nicht immer danach aussehen, als ob Lohnabhängige Macht gewinnen könnten, lohnt es sich trotzdem, Widerstands- und Kampfkulturen mit Beschäftigten zu entwickeln. Denn wenn der Moment kommt, in dem man diese Kultur braucht, dann ist sie eben da...“

Das kommende Jahr wird viele Herausforderungen mit sich bringen. Wir leben in einer Zeit tiefgreifender gesellschaftspolitischer Veränderungen und wachsender Unsicherheiten. Doch eine Sache steht fest: Eure Arbeit macht einen Unterschied — nicht nur im Hier und Jetzt, sondern auch in der Zukunft. Jeder Einsatz für Widerstand, der Aufbau von kämpferischen Gewerkschaftsstrukturen und die Pflege einer starken solidarischen Kultur tragen heute aber auch morgen Früchte. Sie schafft die Grundlage für Veränderung, gibt Menschen Mut. Jedes Gespräch, jede Aktion, jede Auseinandersetzung — sie alle sind Teil einer größeren Bewegung, die Wandel möglich macht. Eure Arbeit zählt. Mehr als ihr denkt. Also, kämpft weiter!

Eure Werkstatt Erschließung.


  1. Die Jim-Crow-Gesetze in den USA waren gesetzliche Regelungen, die die sog. Rassentrennung und systematische Diskriminierung Schwarzer Menschen nach der Abschaffung der Sklaverei festschrieben und deren Unterdrückung rechtlich absicherten. ↩︎