Verstetigung als Strategie: Wie wir aus Organizing- und Tarifkampagnen dauerhaft Stärke machen

Innerhalb ver.di taucht das Wort Verstetigung immer häufiger auf. Es scheint manchmal zum neuen Modebegriff geworden zu sein. Doch was steckt eigentlich dahinter? Wie sieht Verstetigung in der Praxis aus, und welche Standards sollten damit verbunden sein? Gerade weil dieses Thema nicht nur für Erschließungsarbeit, sondern auch für alle kollektive, betriebliche und tarifliche Gewerkschaftsarbeit insgesamt so zentral ist, wollen wir es hier genauer beleuchten.

Was meinen wir mit Verstetigung?

„Verstetigung“ bedeutet, betriebliche Gewerkschaftsstrukturen aber auch -arbeit dauerhaft und nachhaltig zu etablieren. Praktisch heißt das, neu gewonnene Mitglieder und Aktive langfristig einzubinden, betriebliche Strukturen zu stabilisieren bzw. zu stärken und systematische Arbeit auch nach dem Abschluss des Organizing-Prozesses oder der Tarifbewegung fortzuführen. Dazu gehören aus unserer Sicht die folgenden Elemente:

  • Betriebliche Ziele sind klar und werden gemeinsam mit allen verabredet.
  • Transparenz besteht, damit alle Mitglieder und weitere Beschäftigten wissen, was „die Gewerkschaft“ im Betrieb tut und welche nächsten Schritte anstehen.
  • Gewerkschaftsstrukturen erhalten oder ausgebaut werden, um bei der nächsten Tarifrunde handlungsfähig(er) zu sein.
  • Gewerkschaft als politische Schule, damit Mitglieder und Aktive sich nicht nur in Tarifkonflikten, sondern auch in gesellschaftlichen Auseinandersetzungen sich politisch wiederfinden.

Außerdem geht es darum, die Arbeitsweise aus der Organizing- oder Tarifkampagne zu reflektieren und bewusst fortzuführen. Welche Haltungen, Instrumente oder Verabredungen haben sich bewährt? Welche davon sollten in die Phase zwischen den Tarifrunden übernommen werden?

Verstetigung in der Praxis

Ganz praktisch beginnt die Verstetigungsphase nach Abschluss der Tarifrunde oder des Organizing-Prozesses. Der erste Schritt ist unserer Meinung nach ein gemeinsames Auswertungs- und Planungstreffen, bei dem Ehren- und Hauptamtliche analysieren, was gut geklappt hat und was musste das nächste Mal besser laufen – und auf der Basis, was muss bis zur nächsten Tarifrunde passieren, um die betriebliche Stärke zu halten oder auszubauen. Das alles packen wir in einem Verstetigungsplan, den bis zur nächsten Tarifrunde konsequent verfolgt werden.

Jeder Betrieb ist anders, deshalb braucht jeder Betrieb seinen eigenen Verstetigungsplan. Drei zentrale Handlungsoptionen sind allerdings besonders wichtig:

  1. Strukturen stabilisieren und ausbauen – damit wir in der nächsten Tarifrunde mindestens genauso handlungsfähig sind wie in der letzten, idealerweise aber stärker. Dazu gehört, zum Beispiel, dass jemand die Verantwortung übernimmt, das Mapping immer wieder zu pflegen.
  2. Politische Bildungsarbeit leisten – damit neue Mitglieder verstehen, was Gewerkschaftsarbeit bedeutet, und sich mit ihrer Rolle darin identifizieren.
  3. Gesellschaftspolitische Auseinandersetzungen führen – denn Gewerkschaftsarbeit darf nicht nur in Tarifrunden sichtbar sein, sondern muss auch zwischen den Runden politisch erlebbar bleiben, ob im Betrieb oder in der Gesellschaft.

Gleichzeitig ist es sehr wichtig, Regenerationszeiten einzuplanen. Die Verstetigungsarbeit läuft in einem anderen Tempo als beispielsweise in einer Tarifbewegung – langsamer, aber nicht bedeutungslos. Entscheidend ist, dass ein Plan existiert und allen klar ist: „Die Gewerkschaft“ ist nicht weg, sondern weiterhin aktiv – nur eben mit angepasster Intensität.

„…Die Verstetigungsarbeit läuft in einem anderen Tempo als beispielsweise in einer Tarifbewegung – langsamer, aber nicht bedeutungslos…“

Neben den drei wichtigsten Handlungsoptionen gibt es eine Vielzahl an Maßnahmen, die je nach betrieblicher Situation genutzt werden können:

  • Tarifergebnisse im Betrieb kontrollieren – um sicherzustellen, dass alles umgesetzt wird.
  • Systematischer Mitgliederaufbau – Wie gewinnen wir weitere neue Beschäftigte als Mitglieder?
  • Neue Mitglieder einbinden – z. B. durch spezielle Begrüßungsveranstaltungen oder gezielte Ansprache.
  • Betriebsstrukturen weiterentwickeln – etwa durch den Übergang von Tarifbotschafter*innen zu Vertrauensleuten oder Betriebsgruppen.
  • Ehrenamtliche stärken – indem neue Aktiven gezielt in gewerkschaftliche Aufgaben eingebunden werden.
  • Betriebliche Kämpfe führen – für konkrete Verbesserungen im Betrieb, auch außerhalb der Tarifrunde.
  • Austausch organisieren – zu fachlichen Themen und/oder zwischen Aktiven aus verschiedenen Betrieben, um voneinander zu lernen.
  • Planung der nächsten Tarifrunde – frühzeitig, damit keine Zeit verloren geht.

Was genau in den jeweiligen Betrieben nötig ist, hängt immer von der individuellen Situation ab. Ziel ist aber immer das Gleiche: Die gewerkschaftliche Stärke zumindest zu halten, im besten Fall aber kontinuierlich auszubauen.

Ein Blick in die Geschichte: Verstetigung als System

Ein Beispiel aus der Gewerkschaftsgeschichte zeigt, dass Verstetigung mehr ist als eine organisatorische Notwendigkeit – sie kann und muss perspektivisch ein echtes System bilden. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat die linke, US-amerikanische Gewerkschaftsföderation CIO – aus der viele unsere heutigen Organizingstrategien ursprünglich stammen – eine Art Kreislauf entwickelt, durch den fast alle Mitglieder gebracht wurden: Neue Mitglieder wurden im Rahmen eines Organizing-Prozesses oder Tarifkampagne gewonnen und aktiv eingebunden, anschließend durchliefen sie politische Bildung aber auch kulturelle Angebote, die nicht nur den Verstand, sondern auch das Herz ansprachen, und danach beteiligten sie sich an gesellschaftspolitischen Kämpfen oder an betrieblichen Auseinandersetzungen bis zur nächsten Tarifrunde.

Ein solches System führte über Jahren dazu, dass Mitgliedschaft und aktive Beteiligung für viele Beschäftigten zur Selbstverständlichkeit wurden. Die Lehre für uns daraus ist, dass Verstetigung kein zufälliger, isolierter Prozess bleiben darf, sondern muss als fester Bestandteil unserer Gewerkschaftsarbeit verankert werden.

„…Die Lehre für uns daraus ist, dass Verstetigung kein zufälliger, isolierter Prozess bleiben darf, sondern muss als fester Bestandteil unserer Gewerkschaftsarbeit verankert werden…“

Verstetigung als selbstverständlicher Teil unserer Arbeit

Verstetigung ist eben kein Selbstzweck, sondern ein notwendiger Schritt in einem größeren System. Wenn wir unsere Strukturen erhalten, Mitglieder entwickeln und politische Relevanz vertiefen wollen, dann muss Verstetigung perspektivisch als selbstverständlicher Bestandteil in unsere Arbeit eingebaut sein – in jedem Betrieb, in jedem Organizingprozess, in jeder Tarifbewegung. Wie immer bei gewerkschaftlicher Erneuerung liegt es an uns allen, dies sowohl von unten als auch von oben voranzutreiben.