Organizing lebt nicht allein von Strategien. Es lebt davon, dass Beschäftigte glauben, dass Veränderung möglich ist. Diese Überzeugung entsteht nicht zufällig – sie wird gemacht. Und das ist Arbeit. Politische Arbeit.
Wir Organizer*innen reden oft über Machtaufbau, Kampffähigkeit, strategische Planung – und das ist gut so. Aber es gibt eine Dimension in unserer Arbeit, über die seltener gesprochen wird: die Hoffnung. Bei der Begleitung von Aktiven in einem Klinikum in den letzten Wochen ist es mir wieder bewusst geworden: eine Voraussetzung dafür, dass sich Beschäftigte überhaupt in Bewegung setzen ist, dass sie selbst davon überzeugt sind, dass sie den Kampf um ihre Forderungen gewinnen können.
Die größte Unsichtbare: Ermutigung im Alltag
Wer schon mal versucht hat, einen Betrieb zu erschließen, kennt das Gefühl: Die Arbeitsbedingungen sind prekär, die Leute sind frustriert oder gleichgültig, das Vertrauen in Veränderung ist schwach – nicht selten über Jahre oder Jahrzehnte hinweg. Man sollte eigentlich denken, ihre Situation ist so beschissen (sorry), dass sie Feuer und Flamme sein sollten. Aber einige sagen dann: „Das bringt doch eh nichts“. Und genau hier beginnt unsere Arbeit. Nicht mit einem Tarifplan, sondern mit einem Gespräch und einem Zuhören. Menschen müssen sich ermutigt fühlen, überhaupt daran zu glauben, dass ihr Handeln eine Wirkung haben kann. Sie müssen erleben: Ich bin nicht allein, und vielleicht ist mehr möglich, als ich dachte.
Ermutigung ist mehr als gutes Zureden
Ermutigung heißt nicht, jemandem einfach nur zu sagen: „ihr schafft das!“. Es beginnt schon mit dem Aufstellen der Forderungen. Sind die Forderungen nicht attraktiv für die Beschäftigten, dann haben sie schlichtweg keinen Grund, Hoffnung überhaupt zu entwickeln. Außerdem muss ich mich fragen: verstehen sie den Plan? Wir müssen uns darauf einrichten, wo sie stehen. Je unerfahrener Aktive sind, umso schwieriger ist es, denn es geht um konkrete Erfahrungen von Selbstwirksamkeit. Ein erfolgreicher Streiktag. Eine gelungene Aktion. Das erste Gespräch, das besser lief als gedacht. Ein Chef, der plötzlich zurückrudert. Diese Momente zählen. Unsere Aufgabe ist es, solche Erfahrungen möglich zu machen, damit sie erleben, dass ihr Handeln Wirkung hat und dass kollektive Stärke real ist.
Was können wir also tun?
Hoffnung ist kein Zufallsprodukt. Sie entsteht da, wo wir Strukturen schaffen, in denen Menschen sich gegenseitig tragen und gemeinsam handeln können. Aktiventreffen, Stammtische, Aktionen im Betrieb, Gespräche mit Beschäftigten aus anderen Betrieben, die Erfolg hatten – das alles sind Situationen, in denen Hoffnung produziert wird. Sagen wir „Hoffnung als Praxis, nicht als Gefühl“.
Organizing ohne Hoffnung ist Management
Wenn wir die Frage nach Motivation, Hoffnung und emotionaler Verankerung ausblenden, dann wird Organizing zur bloßen Technik: Wer muss angesprochen werden? Wann ist die Aktion? Was ist unser Ziel? Diese Fragen sind wichtig. Aber sie reichen nicht. Wir müssen die inneren Barrieren abbauen, die Menschen lähmen, denn auch das ist Kern gewerkschaftlicher Arbeit.
Wer ermutigt die Ermutiger*innen?
Und auch das gehört zur Wahrheit: Diese Arbeit schlaucht. Wenn Organizer*innen selbst nicht regelmäßig gestärkt werden – durch Reflexion, Austausch, politische Bildung und kollektive Unterstützung –, dann können Erschöpfung und Zynismus die Folge sein. Deshalb: Lasst uns auch untereinander Räume der Ermutigung schaffen. Nicht im Sinne von Selbsthilfegruppen, sondern als Teil unserer politischen Kultur. Denn auch wir müssen daran glauben, dass Veränderung möglich ist.
Was heißt das jetzt für uns?
Am Ende lohnt es sich, einen Moment innezuhalten und das eigene Projekt zu prüfen. Genau das werde ich nun tun. Wo stehen die Aktiven? Gibt es die nötige Hoffnung, dass Veränderung möglich ist? Verstehen sie den Plan, sind die Forderungen klar und attraktiv, oder braucht es noch ein weiteres Treffen auf der Grundlage von Wut – Hoffnung – Aktion? Solche Reflexionsmomente sollten wir bewusst einplanen – heute für das aktuelle Projekt sowie in Zukunft für neue Projekte.
