Interview mit Sören Brandes zum Organizing im Duisburger Hafen
Der Duisburger Hafen ist der größte Binnenhafen Europas – und spielt eine Schlüsselrolle in der europäischen Logistik. Sören Brandes ist seit gut zwei Jahren im Rahmen eines ver.di-Organizing-Projekts vor Ort aktiv.
Es gibt selten so ein komplexes Terrain für Erschließungsarbeit wie den Duisburger Hafen. Sören und seine Kolleg*innen arbeiten in einem logistischen Knotenpunkt, der für große Teile Mitteleuropas zentral ist – und dabei gewerkschaftlich weitgehend unerschlossen war.
Eins steht aber fest: Die wirtschaftliche Bedeutung des Duisburger Hafens steht in keinem Verhältnis zu den Arbeitsbedingungen der Beschäftigten, die dort arbeiten.
Wir haben mit Sören gesprochen: über harte Arbeit, strukturelle Macht, tarifpolitische Ziele – und warum Organizing mehr ist als nur Ansprache.
Werkstatt: Für alle, die den Duisburger Hafen nicht kennen: Gib uns einen Überblick über die Landschaft dort.
Sören: „Der Duisburger Hafen ist der größte Binnenhafen Europas. Er liegt an der Mündung der Ruhr in den Rhein – und ist damit verbunden mit dem gesamten Einzugsgebiet des Rheins, bis hoch zur Nordsee, nach Rotterdam, Antwerpen und so weiter. Der Hafen spielt eine zentrale Rolle als europäischer Logistik-Hub: für Mitteleuropa, für die Chemie- und Stahlindustrie, aber auch für Kleidung, Nahrungsmittel und andere Güter.
In unserem Organizing-Projekt unterstützen wir Beschäftigte in mehreren Betrieben, die sich über eine große Fläche im Hafen verteilen. Es gibt drei Betriebstypen, in denen die Beschäftigten arbeiten: Containerumschlag, Stückgutumschlag (vor allem Stahl) und Schüttgutumschlag (Metalle, Kohle usw.).
In den Containerbetrieben sitzt man im Kran oder im Reachstacker – also einem großen Gabelstapler – und stapelt Container. Andere Kolleg*innen reparieren Container oder Kräne. In den Stückgutbetrieben arbeiten kleine Teams: oben im Kran bewegt jemand große Stahlträger, Brammen oder Coils, unten sichern andere das Material. Die Arbeit ist gefährlich – wenn da etwas schiefgeht, kann es zu schweren Verletzungen oder sogar tödlichen Unfällen kommen.
Dazu kommt die Arbeit mit Baggern, viel Staub, oft Schwermetalle. Viele Kolleginnen haben Lungenkrankheiten, Bandscheibenvorfälle, und nicht wenige sterben kurz nach Renteneintritt. Arbeitgeber sorgen oft nicht ausreichend für Sicherheit – das organisieren die Kolleginnen selbst, durch enge Abstimmung untereinander.
Gleichzeitig gibt es auch einen gewissen Stolz auf die eigene Arbeit. Manche Kolleginnen sitzen auf einem über 20 Meter hohen Kran direkt am Rhein, mit einem entsprechenden Ausblick, und organisieren ihre Arbeit weitgehend eigenverantwortlich – eine Vorgesetzte*r schaut vielleicht alle zwei Wochen vorbei. Diese Arbeit ist wichtig, nicht nur für Duisburg, sondern für ganz NRW und darüber hinaus.“
Werkstatt: Wie ist das Projekt im Duisburger Hafen überhaupt zustande gekommen?
Sören: „Es gab immer wieder über die Jahre Versuche – von Beschäftigten und auch von der Gewerkschaft – sich zu organisieren und tariflich abzusichern. Jetzt gibt es Interesse von mehreren Seiten innerhalb der Organisation – da ziehen Bundes-, Landes-, und Bezirksebene alle an einem Strang – den Hafen als Organizing-Projekt anzugehen.
Ein wichtiger Punkt dabei ist: In den Überseehäfen – Hamburg, Bremerhaven, Wilhelmshaven – sind die Betriebe gut organisiert. Da wird regelmäßig gestreikt, da gibt’s gute Löhne. Kranführer*innen verdienen dort rund 5.000 Euro Grundlohn, plus Zuschläge. Sie arbeiten in einem Modell mit 35-Stunden-Woche – durch zusätzliche Urlaubstage – und gehen am Monatsende mit ordentlich Geld nach Hause.
In Duisburg ist das Lohnniveau vielleicht bei der Hälfte – und das setzt auch die gut organisierten Seehäfen unter Druck. Die Route über Rotterdam und den Rhein wird dadurch günstiger. Es war also auch für die Beschäftigten am Überseehafen wichtig, dass ihre Kolleg*innen in den Binnenhäfen sich auch gewerkschaftlich mehr organisieren.
Wer den Hafen organisiert, kann viel bewegen. Das gilt für alle Häfen. Die Kolleg*innen in den Seehäfen haben gezeigt, was strukturelle Macht bedeuten kann.“
Werkstatt: Was macht ihr konkret vor Ort?
Sören: „Aktuell sind wir zu dritt: zwei externe Organizer unterstützen die Arbeit, ich bin Projektsekretär.
Wir machen so viele Ansprachen wie möglich – was aber schwer ist wegen der ISPS-Verordnung, einer Sicherheitsregelung seit 9/11. Alles ist eingezäunt, wir müssen uns vorher anmelden – und die Arbeitgeber stellen uns da gerne Hürden in den Weg.
Die zweite Herausforderung ist, dass die Betriebe extrem verstreut liegen. Wir haben viele Standorte – allein das erste Mapping und Kennenlernen war ein großer Aufwand. Inzwischen haben wir allerdings ein gutes Bild vom gesamten Hafengebiet.
Wir führen viele 1:1-Gespräche, treffen Kolleg*innen im Café oder bei ver.di. Es gibt Stammtische, Aktiventreffen – und wir machen viel Planung: im Team und gemeinsam mit den Aktiven. Denn das Feld ist komplex. Jeder Betrieb hat seine eigene Unternehmensstruktur. Wer ist zuständig? Wen muss man ansprechen? Wen setzen wir überhaupt unter Druck?
All das braucht Vorbereitung, Kreativität und Klugheit. Und wir bemühen uns, die Beschäftigten da abzuholen, wo sie stehen – aber auch gemeinsam mit ihnen weiterzukommen. Es ist ein komplexes Feld, das viel Fokus und Arbeit verlangt. Sonst funktioniert das nicht.“
Werkstatt: Was haben die Beschäftigten im Duisburger Hafen bislang gemeinsam mit ver.di erreicht?
Sören: „Neben der Gewinnung neuer Mitglieder und neuer Aktiver gibt es zwei konkrete Dinge:
Zum einen: echte Tarifabschlüsse. In einem Hafenbetrieb haben wir einen neuen Tarifvertrag durchgesetzt. Die waren vorher aus der Tarifbindung raus – jetzt wieder drin. Die Kolleg*innen haben sich stark organisiert und dabei bis zu 14 % mehr Lohn herausgeholt.
Bei Hutchison Ports gab es bereits einen Tarifvertrag – dort haben wir vor zwei Jahren eine Erhöhung von 9,65 % durchgesetzt. Gerade hat die nächste Runde stattgefunden, und die Kollegen haben noch einmal 5,8 % sowie ein Senioritätsprinzip mit weiteren Steigerungen für verdiente, langjährige Arbeiter herausgeholt.
Zum anderen: indirekte Wirkung. In mehreren Betrieben beobachten wir, dass Arbeitgeber schon von sich aus Löhne erhöhen – offenbar, um dem Organizing-Druck entgegenzuwirken. Bei einer Hafentochter gab es letztes Jahr vier Prozent mehr, dieses Jahr nochmal vier. Und solche Fälle gibt es mehrere.“
Werkstatt: Welche Ziele habt ihr gemeinsam mit den Beschäftigten noch vor euch?
Sören: „Beschäftigte – und sogar manche Arbeitgeber – merken, dass es Blödsinn ist, dass alle so unterschiedlich entlohnt werden. Es gibt deswegen zunehmend Interesse an einem neuen Hafentarifvertrag. Den gab es mal – bis etwa 2005. Jetzt starten wir deswegen eine gemeinsame Tarifkampagne.
Werkstatt: Das ist ein komplexes Projekt. Was macht für euch erfolgreiches Organizing im Hafen aus? Welche Erkenntnisse waren bisher für euch besonders wichtig?
Sören: „Erstmal: ich habe sehr sehr viel gelernt – wie immer im Organizing. Über den Hafen, über die Arbeit dort, was eine Bramme ist … und besonders wichtig für mich war: zu verstehen, wie ver.di als Organisation funktioniert. Das ist ein eigenes Studium: Wie funktioniert das alles intern? Wie binde ich das Projekt ein? Es bringt nichts, wenn man Leute organisiert, aber das nicht in der Organisation verankern kann. Diese Mechanismen zu verstehen, war essenziell.
Dann ist es auch viel emotionale Arbeit. Der Hafen ist seit Jahrzehnten von den Arbeitgebern, aber auch den Gewerkschaften vernachlässigt worden, und in Duisburg gibt es ohnehin viel Grunddepression. Unsere Aufgabe ist es, Hoffnung in die Betriebe zu tragen – und das ist manchmal das allerschwerste.
Auch dafür ist Planung alles. Gerade in so einem komplexen Feld mit vielen offenen Bällen muss man ständig neu planen. Die Realität funkt immer dazwischen, aber ohne Planung geht man unter. Und nur mit einem realistischen, machbaren Plan, der die Kollegen überzeugt, kann es Hoffnung geben.
Ich war vorher eher in klassischen Anspracheprojekten aktiv – das ist intensiv und macht Spaß. Aber ich habe hier gelernt: Organizing ist mehr als Ansprache. Es ist Projektarbeit von vorne bis hinten. Tarifpolitik gehört genauso dazu: Was kann man unterbringen? Was wollen die Leute – und was nicht?
Man muss bereit sein, immer neugierig zu bleiben und ständig dazuzulernen. Ich glaube, das ist vielleicht das Wichtigste überhaupt im Organizing: die Neugier für die Menschen und ihre Lebenssituation.“
