Wer in prekären Branchen organisiert, kennt das: In manchen Betrieben sprechen Beschäftigte nicht (nur) Deutsch – und immer wieder kein Englisch, die mittlerweile in vielen Betrieben als zweite (oder erste) Sprache gut etabliert ist. Für manche ist das der Punkt, an dem es heißt: „So ein Betrieb ist schwer zu organisieren.“ Unsere Erfahrung ist eine andere: Das ist kein Hindernis, sondern ein Anlass für strukturierte Zusammenarbeit.
Umgekehrt merken wir: Wenn wir keine verbindliche Übersetzung organisieren, gibt es immer wieder Kolleg*innen, die aktiv sind aber trotzdem am Ende eines Treffens nur grob mitbekommen haben, was diskutiert und verabredet wurde. Viele geben ungern zu, dass sie der deutschen Sprache nicht mächtig sind. Das kann für Erschließungsarbeit ein echtes Problem sein – im besten Fall bremst es den Prozess, oft genau in den Arbeitsbereichen, in denen die Beschäftigten unter den prekärsten Bedingungen arbeiten.
Übersetzen als Kernaufgabe
Wir haben viele gute Lösungen erlebt, wie mit den Herausforderungen umgegangen wird – zum Beispiel, dass möglichst viele Inhalte in einer PowerPoint-Präsentation in den wichtigsten Sprachen übersetzt werden, damit die für alle zugänglicher sind. In vielen sog. Einwanderungsländern gibt es allerdings seit über ein Jahrhundert erprobte Methoden für Treffen in mehrsprachigen Belegschaften. Wir nennen sie hier ECHO-Methode (Parallelübersetzung). Das Vorgehen in dem Treffen oder in der Versammlung sieht meistens so aus:
- Sortieren: Zu Beginn klären wir, welche Sprachgruppen im Raum sind, und setzen die Teilnehmenden entsprechend zusammen. Wir zwingen die Beschäftigten dadurch nicht, sich zu bekennen, ob sie Deutsch sprechen oder nicht. Stattdessen erkennen wir an, dass es im Raum mehrere Sprachen gibt, und unsere Diskussion – sowie unsere Gewerkschaft – sollen das selbstverständlich widerspiegeln.
- Organisieren: In jeder Gruppe schauen wir, wer übersetzen kann.
- Sprechen: Die Organizer*innen oder Sekretär*innen sprechen meistens in eher kurzen Abschnitten – zwei bis drei möglichst einfache Sätze – und machen dann Pause.
- Übersetzen: Die Übersetzungen laufen in allen Sprachgruppen gleichzeitig.
Die ECHO-Methode funktioniert in beide Richtungen:
–> Sekretär*in spricht – Übersetzung – Rückmeldung – Übersetzung.
<– Teilnehmer*in spricht – Übersetzung – Rückmeldung – Übersetzung.
Alles, was gesagt wird, wird dann doppelt gesagt. Das halbiert zwar die verfügbare Zeit, zwingt uns aber, kürzer und prägnanter zu werden. Notfalls sprechen wir die Notwendigkeit für Kurzhalten direkt (und wertschätzend) an. Gleichzeitig entsteht ein angenehmer Nebeneffekt: Während übersetzt wird, haben alle, die sprechen, ein paar Sekunden Zeit, den nächsten Punkt zu formulieren und sprachlich zu schärfen.
Wenn keine Übersetzer*innen da sind
Manchmal gibt es keine Kolleg*innen, die übersetzen können. Hier können KI-Tools helfen. Unsere Erfahrung: Die Übersetzungs-Apps sind noch nicht zuverlässig genug, um sich blind darauf zu verlassen. Was aber funktioniert, ist die ECHO-Methode mit einer leistungsfähigen KI umzusetzen – wenn man den richtigen „Prompt“ hat. Einen Beispielprompt wäre:
„Übersetze während unseres Treffens in beide Richtungen. Wenn ich spreche, übersetze meinen gesamten Beitrag vollständig von Deutsch in [Zielsprache einsetzen]. Wenn andere sprechen (in [Zielsprache einsetzen]), übersetze deren gesamten Beitrag vollständig ins Deutsche. Antworte nur mit der Übersetzung, ohne zusätzliche Erklärungen. Nach jeder Übersetzung beende deine Antwort und warte, bis der nächste Redebeitrag beginnt.“
Mehr als nur Sprache
Das Organisieren von Übersetzung ist nicht nur technische Notwendigkeit, sondern Teil des Aufbaus betrieblicher Strukturen und Kommunikation. Sprachliche Strukturen, die so entstehen, überlappen oft mit den informellen Strukturen – denk an Schlüsselpersonen bzw. an organische Führungspersonen – im Betrieb. Übersetzer*innen sind eben nicht selten Kolleg*innen, die Verantwortung übernehmen und oft bereit sind, aktiv in der Erschließungsarbeit mitzuwirken. Communities machen nicht selten ihre Übersetzer*innen zu Schlüsselpersonen.
Eure Erfahrungen sind gefragt
Wir wollen diesen Ansatz nicht als fertige Lösung verkaufen. Unsere Erfahrungen damit sind positiv – aber wir wissen, dass es viele Wege gibt, mit Mehrsprachigkeit in der Erschließungsarbeit umzugehen.
Deshalb laden wir euch ein: Teilt eure eigenen Erfahrungen und Lösungen!
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